Das Investieren in ETFs bietet gegenüber Einzelaktien verschiedene Vorteile. Bei breit diversifizierten Index-ETFs ist das Risiko eines Totalverlusts praktisch vernachlässigbar und ETFs, die einen Index wie den S&P 500 abbilden, nehmen Aktien nach definierten Regeln auf oder stossen sie wieder ab, beim S&P 500 entscheidet ein Indexkomitee auf Basis dieser Kriterien. Das allgemeine Marktrisiko bleibt bestehen, ein Kursrückgang eines breiten Index-ETF ist für langfristige Anleger aber eine andere Situation als der Kursrückgang einer einzelnen Aktie, denn es gibt einen Grund, warum die Aktie fällt und niemand weiss, wie weit sie noch fällt, ob sie sich je wieder erholt und ob sie ihr altes Allzeithoch je wieder erreicht. Ein passiver ETF hat zudem sehr geringe Verwaltungsgebühren (TER) und ist daher gut geeignet für langfristiges Buy & Hold. Für aktivere Trader wiederum fällt das Risiko von Kurssprüngen wegen Earnings oder Einzelnachrichten weitgehend weg. Aus diesen Gründen können ETFs auch für Optionshändler interessant sein.
ETF ist jedoch nicht gleich ETF: Der SPY hat eine der liquidesten Optionsketten der Welt, ein Themen-ETF zu humanoider Robotik hat vielleicht gar keine. Zwischen diesen Polen liegen mehrere hundert US-gelistete ETFs auf Sektoren, Länder, Anleihen, Rohstoffe und Faktoren. Ein Screener, der nur Kurs und Rendite zeigt, beantwortet verschiedene Fragen eines Optionshändlers nicht, zum Beispiel: Wie viel Schwankung ist in den Optionspreisen dieses ETFs gerade eingepreist und ist das für diesen ETF viel oder wenig? Sind die Optionsketten halbwegs liquide?
Dafür braucht es Kennzahlen, die in klassischen Aktien-Screenern fehlen: die Implizite Volatilität und ihre Einordnung über IV Rank und IV-Perzentil, die realisierte oder historische Volatilität als Vergleich, der Expected Move als Übersetzung der Volatilität in eine Kursspanne, dazu Open Interest und Optionsvolumen als Anhaltspunkt für die Liquidität der gehandelten Optionen. Und weil Optionspositionen an Termine gebunden sind, gehören der nächste Ex-Dividenden-Tag und die Monatsverfälle dazu.
Dieser Ratgeber beschreibt, was diese Kennzahlen messen, wie sie zusammen gelesen werden und woher die Daten stammen. Jeder Begriff ist zudem im Glossar definiert und hier verlinkt. Am Ende ist beschrieben, wie in Foliograph die ETF-Heatmap mit Screener aufgebaut ist und welche Möglichkeiten sie bietet.
Was ein ETF-Screener zeigt und was eine Heatmap
Ein Screener ist eine Tabelle mit einer Zeile pro ETF und Filtern über den Spalten. Die Grundausstattung sind Renditen über mehrere Zeiträume, dazu Kurs und zum Beispiel Kategorie und Fondsvolumen. Sinnvoll wird die Tabelle erst mit einer Einteilung in Kategorien: breite US-Indizes, Grösse und Stil, Dividenden, Sektoren, Subsektoren, International, Schwellenländer, Länder, Themen, Anleihen, Rohstoffe, Agrar, Währungen, Volatilität, Krypto, gehebelt und invers. So lassen sich etwa die Sektor-ETFs des S&P 500 miteinander vergleichen und eine Sektor- oder sogar Subsektor-Rotation erkennen, auch wenn sich der Index selbst nur geringfügig bewegt.
Eine Heatmap ist dieselbe Tabelle mit eingefärbten Zellen: Rendite grün oder rot nach Betrag, Volatilitätskennzahlen in einer einfarbigen Skala. Die Farbe erlaubt, hundert Zeilen zu überfliegen und Ausreisser zu erkennen, ohne jede Zahl zu lesen. Eine Kachelansicht geht einen Schritt weiter: Als Treemap (Kachelansicht) wird jeder ETF zu einem Rechteck, dessen Fläche dem Fondsvolumen entspricht und dessen Farbe die Rendite zeigt. Grosse Blöcke sind die ETFs, in denen das Geld steckt, kleine die Nischen.
Warum Optionshändler weitere Kennzahlen benötigen
Wer eine Option auf einen ETF kauft oder verkauft, handelt nicht nur den Kurs, sondern auch die erwartete Schwankung. Der Preis einer Option enthält die implizite Volatilität und die ist von ETF zu ETF und von Monat zu Monat verschieden. Ein Renditescreener sieht davon nichts. Für Optionspositionen zählen deshalb drei Fragen: Wie hoch ist die eingepreiste Schwankung im Verhältnis zur tatsächlichen? Wo steht sie im Vergleich zu ihrer eigenen Geschichte? Und wie liquide ist die Optionskette, damit insbesondere der Ausstieg zu fairen Preisen möglich bleibt, auch wenn sich der Kurs einmal stärker bewegt oder die Volatilität deutlich ansteigt?
Dazu kommt die Zeit. Optionen verfallen und der Abstand zum Verfall in Tagen, die DTE, bestimmt, wie schnell der Zeitwert abschmilzt. Ein Ex-Dividenden-Tag innerhalb der Optionslaufzeit beeinflusst den Wert von Calls und Puts und kann bei Short Calls das Risiko einer vorzeitigen Zuteilung erhöhen, insbesondere wenn der Call im Geld ist und sein verbleibender Zeitwert kleiner ist als die erwartete Dividende. Ein Screener für Optionshändler zeigt diese Termine als Spalte und erlaubt, ETFs mit einem Termin innerhalb der nächsten Tage auszublenden.
- Volatilität: implizit, historisch, ihr Verhältnis und die Einordnung über 52 Wochen.
- Liquidität: Open Interest, tägliches Optionsvolumen, Put/Call-Verhältnis.
- Termine: Tage bis zum nächsten Ex-Dividenden-Tag, Monatsverfälle, Termstruktur der IV.
- Kontext: Trendlage über den EMA21, Abstand zum 52-Wochen-Hoch, Fondsvolumen.
Die Volatilitätsspalten im Zusammenspiel
Die implizite Volatilität allein ist eine Zahl ohne Massstab. 18% sind für den SPY womöglich viel und für einen Halbleiter-ETF vielleicht wenig. Deshalb stehen neben der IV zwei Einordnungen: Der IV Rank sagt, wo die aktuelle IV zwischen ihrem Tief und Hoch der letzten 52 Wochen liegt, das IV-Perzentil sagt, an welchem Anteil der Handelstage des letzten Jahres die IV tiefer war als heute. Die beiden laufen auseinander, wenn ein einzelner Spitzenwert die Spanne verzerrt: Nach einem Volatilitätsschub bleibt der Rank monatelang tief, obwohl das Perzentil längst wieder in der Mitte liegt. Wer beide Spalten nebeneinander sieht, erkennt solche Verzerrungen sofort.
Die zweite Achse ist der Vergleich mit der Realität. Die Historische Volatilität misst, wie stark der Kurs im gewählten Fenster tatsächlich geschwankt hat. Das IV/HV-Verhältnis setzt beide ins Verhältnis: Ein Wert über 1 bedeutet, dass die Optionen mehr Schwankung einpreisen, als der Kurs zuletzt gezeigt hat, ein Wert unter 1 das Gegenteil. Das Fenster der historischen Volatilität ändert die Lesart: Über 20 Tage reagiert sie schnell auf eine ruhige Woche, über 60 Tage bleibt ein Schub aus dem Vormonat länger sichtbar.
Der Expected Move übersetzt die implizite Volatilität in eine erwartete Kursspanne: Kurs × IV × √Zeit ergibt näherungsweise die Bewegung, die einer Standardabweichung entspricht. Für die Wahl von Strikes ist besonders der Expected Move des jeweiligen Verfalls relevant.
Die IV-Termstruktur zeigt, wie hoch die implizite Volatilität für verschiedene Laufzeiten ist. Eine deutlich höhere IV bei nahen Verfällen kann beispielsweise darauf hindeuten, dass der Markt in den nächsten Wochen erhöhte Schwankungen oder ein bestimmtes Ereignis einpreist.
Liquidität der Optionskette
Ein ETF mit einer dünnen Optionskette ist für Optionsstrategien praktisch nicht handelbar, weil die Spanne zwischen Geld- und Briefkurs jeden Vorteil auffrisst. Zwei Kennzahlen geben Hinweise auf die Liquidität: das Open Interest, also die Zahl der offenen Kontrakte über einzelne oder alle Verfälle, und das Optionsvolumen, die Zahl der pro Tag gehandelten Kontrakte. Beide gehören als Spalte und als Filter in den Screener: Ein Schwellenwert für das Optionsvolumen blendet ETFs aus, deren Kette zu dünn ist. Die tatsächliche Spanne zwischen Geld- und Briefkurs zeigt erst die Optionskette selbst, ein hohes Open Interest schliesst einen breiten Spread nicht aus.
Das Put/Call-Ratio gibt es in zwei Varianten. Nach Volumen zeigt es, ob heute mehr Puts oder mehr Calls gehandelt wurden, nach Open Interest, wie die offenen Positionen insgesamt verteilt sind. Das Verhältnis nach Volumen springt von Tag zu Tag, das nach Open Interest bewegt sich langsam. Für die Einordnung eines ETFs sind beide nur Beschreibungen der Aktivität und des Bestands, keine Aussage über die Richtung, denn jedem gehandelten Put steht ein Verkäufer gegenüber.
Termine, die Optionspositionen betreffen
Der Ex-Dividenden-Tag hat für Optionen auf ETFs eine Bedeutung, die er für die ETF-Position selbst nicht hat: Bei Short Calls im Geld steigt kurz vor dem Ex-Tag die Wahrscheinlichkeit einer vorzeitigen Zuteilung, weil der Inhaber die Dividende vereinnahmen kann. Ein Screener zeigt deshalb die Tage bis zum nächsten projizierten Ex-Tag, den Betrag und den Betrag in Prozent des Kurses und erlaubt, ETFs mit einem Termin innerhalb der nächsten Tage auszublenden.
Der Verfall gliedert die Optionskette in Monats- und Wochenkontrakte. Für die Termstruktur und den Expected Move über mehrere Horizonte werden die Monatsverfälle herangezogen, weil sie über alle ETFs hinweg vergleichbar liegen. Der Preis des Straddles am Geld je Verfall ist dabei die direkteste Messung der eingepreisten Bewegung: Call plus Put am aktuellen Kurs kosten ungefähr das, was der Markt an Bewegung bis zum Verfall erwartet, ohne Umweg über ein Modell. Diese erwartete absolute Bewegung ist etwas kleiner als eine Standardabweichung, bei einer Normalverteilung rund 80% davon.
Trend und Distanz als Kontext
Volatilität sagt nichts über die Richtung. Als Kontext zeigt ein Screener deshalb die Lage des Kurses zu einem gleitenden Durchschnitt. Der EMA21 auf Tages- und Wochenbasis ist dafür ein üblicher Massstab: Statt nur über oder unter zu zeigen, zählt eine Streak-Spalte, seit wie vielen Tagen oder Wochen der Kurs auf derselben Seite liegt. Eine zweite Spalte gibt den Abstand zum EMA21 in Prozent an, damit ein Kurs knapp darüber von einem weit darüber unterscheidbar ist.
Die Distanz zum 52-Wochen-Hoch ergänzt das um den Blick auf das Jahr: Wie weit liegt der letzte Schlusskurs unter dem höchsten Schluss der letzten 52 Wochen? Ein ETF nahe am Hoch und einer 30% darunter haben vielleicht ähnliche Renditen über einen Monat, aber eine völlig andere Ausgangslage für die Volatilität.
Länder-ETFs auf der Weltkarte
Ein Teilbereich des ETF-Universums lässt sich neben einer Tabelle auch auf einer Weltkarte lesen: die Länder-ETFs. Rund 45 Länder haben einen US-gelisteten ETF, der den lokalen Markt abbildet. Eine Weltkarte färbt jedes Land nach der Rendite des gewählten Zeitraums ein und macht regionale Muster sichtbar, die in einer alphabetischen Liste untergehen.
Weil alle diese ETFs in US-Dollar notieren, enthält ihre Rendite den Währungseffekt. Die Rendite relativ zur Benchmark zieht die Rendite eines Referenzindex wie SPY oder ACWI über denselben Zeitraum ab und zeigt, welche Länder den Weltmarkt geschlagen oder verfehlt haben. Eine Korrelationsmatrix über 30 Tage ergänzt, welche Ländermärkte sich zuletzt gleich bewegt haben und welche nicht. Die Holdings zeigen, was sich hinter einem Länder-ETF tatsächlich verbirgt, oft dominieren wenige Grosskonzerne.
Häufige Fragen
Worin unterscheiden sich IV Rank und IV-Perzentil?
Der IV Rank misst die Lage der aktuellen IV zwischen Tief und Hoch der letzten 52 Wochen, das IV-Perzentil den Anteil der Handelstage, an denen die IV tiefer war als heute. Ein einzelner Spitzenwert drückt den Rank monatelang, das Perzentil kaum. Beide nebeneinander zeigen, ob die Spanne verzerrt ist.
Wie wird der Expected Move berechnet?
Als Kurs mal implizite Volatilität mal Wurzel aus der Zeit in Jahren. Für 30 Kalendertage bei 20% IV und Kurs 100 ergibt das rund 5.7%, also eine Standardabweichung. Der Kegel im Chart-Panel von Foliograph verwendet stattdessen die tatsächlichen Straddle-Preise je Monatsverfall, wenn die TWS läuft, und die IV-Formel als Rückfall. Der Straddle-Preis entspricht der erwarteten absoluten Bewegung und liegt rund 20% unter einer Standardabweichung, der Kegel ist deshalb etwas enger als die Spalte EM.
Warum weicht die IV in der Heatmap von der in der TWS ab?
Die Heatmap zeigt IBKRs 30-Tage-Volatilität der Optionskette als Tageshistorie, die TWS zeigt je nach Fenster die Modell-IV einzelner Kontrakte oder eine andere Verdichtung. Für den IV Rank filtert Foliograph die Historie zudem in fünf Stufen gegen Ausreisser und Sprünge, deshalb kann auch der Rank vom Wert eines anderen Werkzeugs abweichen.
Werden ETFs ohne Optionskette angezeigt?
Ja, sie stehen in der Tabelle mit Kurs, Renditen und Trendspalten. Die Options- und Volatilitätsspalten bleiben leer, der Tooltip nennt den Grund. Der Filter Optionsvolumen mindestens blendet sie aus, wenn nur handelbare Ketten interessieren.
Wie oft werden die Daten aktualisiert?
Kurse alle zehn Minuten mit dem Marktdaten-Refresh, IV-Historie, Optionsstatistiken und Fondsvolumen stündlich durch den Job ETF Vol Sync, solange die Trader Workstation läuft. Expected-Move-Kegel und IV-Termstruktur werden beim Öffnen des Chart-Panels geholt und 15 Minuten zwischengespeichert.
Warum fehlt bei GLD oder IBIT das Fondsvolumen?
Diese ETFs sind als Grantor Trust organisiert und reichen bei der SEC keine NPORT-P-Meldung ein. Foliograph bezieht das Fondsvolumen aus dieser Meldung, deshalb bleibt die Spalte AUM bei ihnen leer und die Kachel in der Treemap bekommt die Fläche des Median-AUM aller angezeigten ETFs.
Kann ich eigene ETFs ergänzen?
Das ETF-Universum ist fest in der Anwendung hinterlegt und wird mit Updates erweitert. Fehlt ein ETF, der auf SMART in USD gelistet ist, nimm Kontakt auf, der Support antwortet auf Deutsch und Englisch.
Begriffe auf dieser Seite
- Zuteilung (Assignment)
- Straddle am Geld (ATM Straddle)
- Rendite relativ zur Benchmark (Relative Performance, vs SPY, vs ACWI)
- Korrelationsmatrix (30-Tage-Korrelation, Correlation Matrix)
- Länder-ETF (Single-Country ETF, Country ETF)
- Distanz zum 52-Wochen-Hoch (52WH %, Abstand zum Jahreshoch)
- DTE (Days to Expiry, Tage bis Verfall)
- EMA21 (Exponentieller gleitender Durchschnitt über 21 Perioden)
- Holdings (Positionen eines ETF, Top-Holdings)
- Ex-Dividenden-Tag (Ex-Div, Ex-Dividend Date)
- Expected Move (Erwartete Bewegung, EM)
- Verfall (Expiration, Expiry)
- Historische Volatilität (Realisierte Volatilität, Historical Volatility, HV)
- Implizite Volatilität (Implied Volatility, IV)
- IV/HV-Verhältnis (IV/HV, IV-HV-Ratio)
- IV-Perzentil (IV Percentile, IVP)
- IV Rank (IVR)
- IV-Termstruktur (Volatility Term Structure, IV Term Structure)
- Open Interest (OI, offene Kontrakte)
- Optionsvolumen (Option Volume, Opt Vol)
- Put/Call-Ratio (Put/Call-Verhältnis, P/C)
- Treemap (Kachelansicht) (Heatmap-Kacheln, Flächendiagramm)
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Alle Markt- und Analysedaten dienen ausschliesslich Bildungs- und Analysezwecken und stellen keine Anlageberatung oder Handelsempfehlung dar.