Trading-Kennzahlen verstehen: Trefferquote, Profit Factor, Erwartungswert und Drawdown

Ein Trading-Journal sammelt Trades. Erst die Auswertung zeigt, wie sich Gewinne und Verluste über viele Trades verteilen. Dieser Ratgeber erklärt die wichtigsten Kennzahlen, wie sie zusammenhängen und wo sie leicht falsch gelesen werden.

Lesezeit 13 Minuten · Stand: Oktober 2026

Ein einzelner Trade sagt wenig. Ob eine Handelsstrategie langfristig funktioniert, zeigt sich erst über viele Trades hinweg: Wie oft entstehen Gewinne, wie gross sind Gewinne und Verluste im Durchschnitt und welche Rückschläge treten zwischenzeitlich auf?

Einige zentrale Kennzahlen helfen dabei, eine Handelsstrategie aus verschiedenen Blickwinkeln zu beurteilen. Die Trefferquote zählt die Gewinner, der Profit Factor setzt Gewinne und Verluste ins Verhältnis und der Erwartungswert fasst beides zum durchschnittlichen Ergebnis pro Trade zusammen. Das R-Multiple setzt das Ergebnis eines Trades ins Verhältnis zum eingegangenen Risiko, der Max Drawdown zeigt den grössten Rückgang.

Keine dieser Zahlen reicht allein. Dieser Ratgeber erklärt, was jede misst, wie sie zusammenhängen und welche Fallstricke es bei kleinen Stichproben, Teilschliessungen und mehreren Währungen gibt. Am Ende steht, wie Foliograph die Kennzahlen direkt aus dem Journal berechnet.

Warum der Gewinn allein wenig aussagt

Der realisierte Gewinn eines Zeitraums ist die naheliegendste Zahl, aber er verbirgt, wie er zustande kam. Derselbe Gesamtgewinn kann aus vielen kleinen Gewinnen und einem grossen Verlust entstehen oder aus wenigen grossen Gewinnern bei vielen kleinen Verlusten. Für die Beurteilung einer Strategie machen diese beiden Fälle einen grossen Unterschied.

Kennzahlen zerlegen das Ergebnis in Bestandteile, die sich über Zeiträume, Strategien und Märkte vergleichen lassen. Vier Fragen stehen dabei im Mittelpunkt:

  • Wie oft? Die Trefferquote zeigt den Anteil der Trades mit Gewinn.
  • Wie viel? Durchschnittlicher Gewinn und Verlust, Profit Factor und Erwartungswert beschreiben die Grösse der Ergebnisse.
  • Im Verhältnis zum Risiko? Das R-Multiple setzt das Ergebnis ins Verhältnis zum ursprünglich geplanten Risiko, bei einem Trade mit Stop also zum möglichen Verlust bis zum Stop.
  • Mit welchen Rückschlägen und Schwankungen? Drawdown, Sharpe Ratio und Sortino Ratio beschreiben den Weg, auf dem das Ergebnis entstanden ist.

Trefferquote und Profit Factor gemeinsam lesen

Die Trefferquote ist leicht zu verstehen und wird deshalb oft überschätzt. Eine Quote von 80% klingt hoch, sagt aber nichts darüber, wie gross die übrigen 20% ausfallen. Wer Optionsprämien verkauft, erreicht häufig hohe Trefferquoten, weil viele Positionen mit einem kleinen Gewinn enden, während einzelne Verluste ein Mehrfaches davon betragen können. Trendfolgende Ansätze zeigen oft das umgekehrte Bild: wenige Gewinner, die deutlich grösser sind als die vielen kleinen Verluste.

Der Profit Factor ergänzt die Trefferquote um die Grösse. Er teilt die Summe aller Gewinne durch die absolute Summe aller Verluste, kurz Bruttogewinn / Bruttoverlust. Ein Wert von 1.0 bedeutet, dass sich Gewinne und Verluste aufheben, Werte darüber zeigen einen Überschuss der Gewinne. Eine Strategie mit 35% Trefferquote kann so einen höheren Profit Factor haben als eine mit 75%.

Beide Zahlen hängen davon ab, was als ein Trade gilt. Wird eine Position in mehreren Schritten geschlossen oder eine Option mehrfach gerollt, hängt das Ergebnis davon ab, wie diese Vorgänge zu einem Trade zusammengefasst werden. Dadurch verändert sich, wie viele Gewinner und Verlierer in die Statistik eingehen. Gebühren und Kommissionen verschieben knappe Trades zudem vom Gewinn in den Verlust.

Ergebnis pro Trade: in der Währung und in R

Der Erwartungswert verbindet Trefferquote und Grösse zu einer Zahl, dem durchschnittlichen Ergebnis pro Trade. Die Formel lautet: Erwartungswert = Trefferquote x Ø Gewinn - Verlustquote x Ø Verlust. Ein positiver Wert bedeutet, dass die ausgewerteten Trades im Durchschnitt profitabel waren, ein negativer das Gegenteil.

In einer Währung ausgedrückt hängt der Erwartungswert von der Positionsgrösse ab. Wer seine Positionen verdoppelt, verdoppelt auch den Erwartungswert, ohne dass sich am Vorgehen etwas geändert hat. Das R-Multiple löst dieses Problem: Es setzt das Ergebnis eines Trades ins Verhältnis zum ursprünglich geplanten Risiko. Bei einem Aktien-Trade mit Stop entspricht dieses Risiko dem Abstand zwischen Einstieg und Stop multipliziert mit der Positionsgrösse. Ein Gewinn von 2R bedeutet, dass der Trade das Doppelte des eingegangenen Risikos eingebracht hat, -1R entspricht einem Verlust in Höhe des geplanten Risikos.

Voraussetzung ist ein beim Einstieg festgelegtes Risiko pro Trade. Ohne klar definiertes Anfangsrisiko lässt sich kein sauberes R-Multiple berechnen. Eine Auswertung, die nur einen Teil der Trades erfasst, beschreibt zudem nur diesen Teil. Bei Optionsverkäufen ohne festen Stop ist der Erwartungswert in der Währung deshalb oft die aussagekräftigere Zahl.

Drawdown: wie tief und wie lange

Die Equity-Kurve zeigt das kumulierte Ergebnis über die Zeit. Der Drawdown misst, wie weit diese Kurve unter ihrem bisherigen Höchststand liegt, und der Max Drawdown ist der grösste solche Rückgang im betrachteten Zeitraum. Er zeigt, wie weit die Equity-Kurve zwischenzeitlich unter ihr vorheriges Hoch gefallen ist.

Zwei weitere Grössen beschreiben die Dauer: der Anteil der Zeit, den die Kurve unter einem früheren Höchststand verbringt, und die Erholung, also die Zeit vom tiefsten Punkt bis zu einem neuen Hoch. Ein Drawdown über zwei Wochen ist anders zu beurteilen als derselbe Rückgang über ein ganzes Jahr, auch wenn seine maximale Tiefe identisch ist.

Eine Equity-Kurve aus realisierten Gewinnen enthält nur geschlossene Trades. Offene Positionen mit Buchverlusten tauchen darin erst auf, wenn sie geschlossen werden. Der Rückgang auf dem Konto kann deshalb zwischenzeitlich deutlich tiefer gewesen sein als derjenige der realisierten Kurve.

Risikobereinigte Kennzahlen: Sharpe, Sortino und Calmar

Risikobereinigte Kennzahlen setzen den Ertrag ins Verhältnis zu seinen Schwankungen. Die Sharpe Ratio setzt die durchschnittliche Überschussrendite, also den Ertrag über dem risikolosen Zins, ins Verhältnis zur Schwankung der Renditen. Die Sortino Ratio verwendet statt der gesamten Volatilität nur die Abweichungen unterhalb eines definierten Ziel- oder Mindestwerts, weil Ausschläge nach oben für die meisten Anleger kein Risiko darstellen. Die Calmar Ratio teilt die jährliche Wachstumsrate (CAGR) durch den Max Drawdown.

Diese Kennzahlen stammen aus der Fondsanalyse und gehen dort von täglichen Renditen auf das ganze Kapital und einem risikolosen Zins aus. Wer sie aus einem Trading-Journal berechnet, arbeitet meist mit realisierten Tagesergebnissen. Tage ohne geschlossenen Trade müssen dabei mit null in die Reihe eingehen, sonst fällt die Hochrechnung mit der Wurzel aus 252 Handelstagen zu hoch aus. Werden Sharpe und Sortino aus realisierten Trading-Ergebnissen statt aus täglichen Portfolio-Renditen berechnet, eignen sie sich vor allem für interne Vergleiche, etwa zwischen zwei Jahren oder zwei Strategien, nicht aber für einen direkten Vergleich mit Fonds oder Benchmarks.

Bei Strategien mit vielen kleinen Gewinnen und seltenen grossen Verlusten lohnt sich der Blick auf alle drei Werte zusammen mit dem Max Drawdown. Eine hohe Sharpe Ratio kann dort aus einer ruhigen Phase stammen, in der der seltene grosse Verlust noch nicht eingetreten ist.

Auswerten nach Strategie, Haltedauer und Fehlern

Kennzahlen über alle Trades hinweg mischen oft Vorgehen, die wenig miteinander zu tun haben. Aufschlussreicher ist die Aufteilung nach Strategie, Basiswert, Monat, Wochentag oder Haltedauer. Erst dann wird sichtbar, ob etwa kurzfristige Trades eine andere Trefferquote haben als Positionen, die über mehrere Wochen gehalten werden.

Mit jeder Aufteilung werden die Gruppen kleiner. Bei nur 15 Trades kann eine Trefferquote von 70% stark vom Zufall beeinflusst sein. Hilfreich ist deshalb der Vergleich mit der Gesamtheit: Weicht eine Gruppe deutlich von Trefferquote und Profit Factor aller Trades ab oder liegt sie im üblichen Rahmen? Ergebnisse kleiner Gruppen sollten deshalb besonders vorsichtig interpretiert werden.

Eine weitere Dimension sind die eigenen Fehler. Werden Trades im Journal mit Fehlern wie einem verschobenen Stop oder einem verfrühten Einstieg markiert, lässt sich auswerten, wie sich diese Trades von den übrigen unterscheiden. Ergänzend zeigen MAE und MFE, wie weit ein Trade zwischenzeitlich gegen oder für die Position lief.

Realisiert oder gesamt: Dividenden, Zinsen und Währungen

Trading-Kennzahlen beziehen sich meist auf realisierte Gewinne aus geschlossenen Trades. Auf dem Konto fallen jedoch weitere Beträge an: Dividenden, Quellensteuern, Zinsen auf Guthaben oder Margin und Gebühren. Eine umfassendere Ergebnisrechnung berücksichtigt zusätzlich Dividenden, Quellensteuern, Zinsen und Gebühren. Foliograph weist diese erweiterte Sicht als Gesamtrendite aus. Unrealisierte Wertveränderungen offener Positionen enthält sie nicht. Ein- und Auszahlungen gehören nicht dazu, weil sie das eingesetzte Kapital verändern und keinen Ertrag darstellen.

Wer in mehreren Währungen handelt, braucht für die Auswertung eine gemeinsame Basiswährung. Ein Gewinn in US-Dollar und ein Verlust in Euro lassen sich erst nach der Umrechnung addieren. Das Ergebnis hängt auch davon ab, zu welchem Wechselkurs umgerechnet wird, etwa zum Kurs am Schliesstag oder zum aktuellen Kurs. Der Unterschied wächst über längere Zeiträume mit starken Währungsbewegungen.

Häufige Fragen

Ab wie vielen Trades sind Trading-Kennzahlen aussagekräftig?

Eine feste Grenze gibt es nicht. Bei 20 Trades verändert ein einzelner Trade die Trefferquote um fünf Prozentpunkte, bei 100 Trades nur noch um einen. Je kleiner die Gruppe, desto stärker können Zufall und einzelne grosse Ergebnisse die Werte prägen. Foliograph stellt Aufschlüsselungen mit weniger als 20 Trades abgeschwächt dar und vergleicht jede Auswahl mit allen Trades im Filter.

Was sagt ein Profit Factor von 1.5 aus?

Ein Profit Factor von 1.5 bedeutet, dass die Summe aller Gewinne 1.5-mal so gross war wie die absolute Summe aller Verluste. Ein Wert über 1 zeigt einen Gewinnüberschuss, ein Wert unter 1 einen Verlustüberschuss. Wie ein bestimmter Wert einzuschätzen ist, hängt unter anderem von Strategie, Stichprobengrösse und betrachteter Periode ab.

Wie unterscheiden sich R-Multiple und CRV?

Mit CRV ist meist das geplante Chance-Risiko-Verhältnis vor dem Einstieg gemeint, also das mögliche Gewinnpotenzial bis zum geplanten Gewinnziel im Verhältnis zum geplanten Verlust bis zum Stop. Das R-Multiple misst das tatsächliche Ergebnis in Einheiten des Risikos beim Einstieg. Foliograph zeigt beides getrennt: das geplante CRV in der Legende des Trade-Charts, das erreichte R-Multiple im Journal und als Ø R-Multiple in den Analysen, etwa +1.80R.

Warum unterscheiden sich Sharpe Ratio und Sortino Ratio so stark?

Die Sharpe Ratio berücksichtigt alle Schwankungen, die Sortino Ratio nur die negativen Abweichungen unterhalb einer definierten Schwelle, in Foliograph null. Eine Strategie mit starken positiven Schwankungen, aber vergleichsweise kleinen oder seltenen negativen Abweichungen kann deshalb eine deutlich höhere Sortino Ratio als Sharpe Ratio aufweisen.

Warum weichen die Ergebnisse in Foliograph von meinem IBKR-Kontoauszug ab?

Die Kennzahlen beruhen auf den realisierten Ergebnissen geschlossener Trades, umgerechnet zum Wechselkurs des Schliesstags in deine Basiswährung. Der Kontoauszug enthält zusätzlich Dividenden, Zinsen, Gebühren und die Buchgewinne offener Positionen. Die Gesamtrendite in Foliograph berücksichtigt zusätzlich Dividenden, Quellensteuern, Zinsen, Gebühren und weitere ergebniswirksame Kontobuchungen. Veränderungen offener Positionen erscheinen dagegen im Kontowert. Fehlen ältere Kontoauszüge im Import, weist Foliograph auf die Lücke hin.

Werden Optionen und Aktien getrennt ausgewertet?

Ja. Ein Filter oben auf der Seite beschränkt die Auswertung auf Aktien und Futures oder auf Optionen. Zusätzlich zeigt Foliograph drei Kategorien nebeneinander: kurzfristige Trades und langfristige Investitionen bei Aktien und Futures sowie Optionen. Ob eine Aktienposition als Trade oder als Investition gilt, legst du pro Trade im Journal fest.

Werden meine Trades für die Auswertung in die Cloud hochgeladen?

Nein. Foliograph ist eine Desktop-Anwendung, alle Trades und Auswertungen bleiben in einer lokalen Datenbank auf deinem Rechner. Die Trades kommen direkt von Interactive Brokers, über die TWS, eine Flex Query oder einen Kontoauszug als CSV.

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