Systematische Trader und Investoren verschaffen sich regelmässig ein faktenbasiertes Bild des Marktumfelds. Typische Fragen dabei sind: Wie viel Schwankung ist im breiten Markt eingepreist? Ist die kurzfristige Volatilität höher als die längerfristige? Werden mehr Put- oder Call-Optionen gehandelt? Liegen die grossen Indizes seit Wochen über oder unter ihrem Durchschnitt? Ein Dashboard mit den wichtigsten Kennzahlen kann dabei helfen. Es zeigt die Werte nebeneinander und macht Zusammenhänge sichtbar, die beim Blick auf einzelne Charts leicht übersehen werden.
Die meisten dieser Werte sind öffentlich: Der VIX und verwandte Volatilitätsindizes kommen von der CBOE, die Renditen der US-Staatsanleihen von der Federal Reserve, die Kurse der Index-Futures von den Börsen. Einzelne Kennzahlen findet man auf vielen Finanzportalen. Schwieriger ist es, Volatilität, Zinsen und Trends gemeinsam zu betrachten und über verschiedene Zeiträume einzuordnen. Ein VIX von 19 sagt für sich wenig. Erst der Vergleich mit dem letzten Jahr, mit dem Vortag und mit der Laufzeitstruktur macht daraus eine Einordnung.
Dieser Ratgeber beschreibt die Bausteine einer Marktübersicht: Volatilitätsindizes, die Form der Volatilitätskurve, Put/Call-Verhältnisse, die Zinsstruktur und die Trendlage über Indizes und Sektoren. Jeder Begriff ist im Glossar definiert und hier beim ersten Vorkommen verlinkt. Am Ende steht mit Screenshot, wie Foliograph diese Werte auf einer Seite zusammenführt.
Was eine Marktübersicht leisten muss
Eine Marktübersicht ist keine Kursliste. Ihr Zweck ist, auf einen Blick zu zeigen, ob das Umfeld ruhig oder angespannt ist und ob sich daran gerade etwas ändert. Neben dem aktuellen Wert helfen dafür drei Ergänzungen: die Veränderung über einen Tag und eine Woche, die Spanne über einen längeren Zeitraum und die Lage innerhalb dieser Spanne.
Die Lage wird am einfachsten als Perzentil angegeben, nach demselben Prinzip wie das IV-Perzentil eines einzelnen Basiswerts: An welchem Anteil der Tage im gewählten Fenster lag der Wert tiefer als heute? Ein VIX im 85. Perzentil über ein Jahr bedeutet, dass er an 85% der Handelstage des letzten Jahres tiefer stand. Der gewählte Zeitraum beeinflusst die Einordnung. Über drei Monate ist schon ein mittelhoher Wert schnell am oberen Rand, über fünf Jahre gehören die Krisenspitzen zur Skala.
Ebenso wichtig ist die gemeinsame Darstellung. Volatilität, Zinsen und Trendlage gehören auf dieselbe Seite, weil sie sich gegenseitig einordnen. Ein steigender VIX bei stabilen Index-Trends ist eine andere Lage als ein steigender VIX, während das Verhältnis VIX/VIX3M über 1 klettert und mehrere Indizes unter ihren gleitenden Durchschnitt fallen. Im zweiten Fall zeigen verschiedene Kennzahlen gleichzeitig eine erhöhte kurzfristige Volatilität und schwächere Kurstrends. Eine Übersicht macht eine solche Konstellation sichtbar, ohne dass dafür mehrere Charts geöffnet werden müssen.
Volatilitätsindizes im Vergleich
Der VIX misst die implizite Volatilität der S&P-500-Optionen für die nächsten 30 Tage. Er ist der bekannteste, aber nicht der einzige Volatilitätsindex. VXN und RVX wenden dieselbe Methode auf den Nasdaq-100 und den Russell 2000 an. Liegen sie deutlich über dem VIX, preist der Markt für Technologiewerte oder kleinere Unternehmen mehr Schwankung ein als für den breiten Markt.
Zwei Indizes beschreiben nicht die Höhe, sondern die Form der Erwartung. Der VVIX ist die implizite Volatilität des VIX selbst, also die eingepreiste Schwankung der Schwankung. Der SKEW-Index der CBOE wird aus den Preisen weit aus dem Geld liegender Optionen auf den S&P 500 berechnet und in Indexpunkten angegeben, meist zwischen 100 und 150. Ein hoher Wert beschreibt, dass die Optionspreise extreme Kursrückgänge stärker gewichten, unabhängig davon, wo der VIX steht. Wie viel Absicherung tatsächlich gekauft wird, lässt sich daraus nicht direkt ablesen.
Weil alle diese Indizes Optionspreise verdichten, steigen sie oft gemeinsam. Interessant für die Einordnung können Divergenzen sein: ein VVIX, der anzieht, während der VIX ruhig bleibt, ein VIX, der zusammen mit dem S&P 500 steigt, obwohl sich die beiden meist gegenläufig bewegen, oder ein SKEW nahe seinem Jahreshoch bei tiefem VIX.
Die Neigung der Volatilitätskurve
Der VIX zeigt, wie stark der Markt in den nächsten 30 Tagen voraussichtlich schwanken könnte. Der VIX3M betrachtet dagegen einen Zeitraum von drei Monaten. Das Verhältnis VIX/VIX3M zeigt, ob kurzfristig mehr oder weniger Schwankungen erwartet werden als über einen längeren Zeitraum. Normalerweise liegt es unter 1. Steigt es über 1, ist kurzfristig eine höhere Volatilität eingepreist, beispielsweise in Phasen erhöhter Marktunsicherheit.
Eine weitere Perspektive bietet die VIX-Futures-Kurve. Sie zeigt die Preise von VIX-Futures mit unterschiedlichen Verfallsterminen. Steigen die Preise mit zunehmender Laufzeit, spricht man von Contango. Liegen kurzfristige Kontrakte höher als längerfristige, spricht man von Backwardation. Contango ist bei VIX-Futures häufiger anzutreffen.
Die Form dieser Kurve ist auch für Produkte wie VXX relevant, die regelmässig auslaufende VIX-Futures durch länger laufende ersetzen. Bei Contango entsteht ein negativer Rolleffekt (Roll Yield), der dazu führt, dass solche Produkte bei ansonsten unveränderten Marktbedingungen langfristig an Wert verlieren. Bei Backwardation ist der umgekehrte Effekt möglich. Wie stark dieser Effekt tatsächlich ausfällt, hängt von der Entwicklung der Futures-Preise ab.
Put/Call-Verhältnisse für Index- und Aktienoptionen
Die CBOE veröffentlicht täglich das Put/Call-Ratio für Index- und Aktienoptionen. Es zeigt das Verhältnis zwischen gehandelten Put- und Call-Optionen. Ein Wert über 1 bedeutet, dass mehr Puts als Calls gehandelt wurden, bei einem Wert unter 1 überwiegen die Calls.
Bei Indexoptionen liegt das Verhältnis häufig über 1, da institutionelle Marktteilnehmer sie oft zur Absicherung verwenden. Bei Aktienoptionen überwiegen dagegen meist die Calls. Deshalb ist weniger der absolute Wert entscheidend als der Vergleich mit seiner historischen Entwicklung.
Ein hohes Put/Call-Ratio kann auf eine erhöhte Absicherungsaktivität hindeuten, lässt aber keinen eindeutigen Schluss auf fallende Kurse zu. Es zeigt lediglich, dass im Verhältnis zu Calls mehr Puts gehandelt wurden.
Zinskurve als Indikator für Konjunktur und Marktstress
Die Renditen der US-Staatsanleihen liefern wichtige Hinweise auf das wirtschaftliche Umfeld und die Stimmung an den Finanzmärkten. Steigende Renditen erhöhen die Finanzierungskosten für Unternehmen und können insbesondere wachstumsorientierte Aktien belasten. Fallen die Renditen dagegen deutlich, kann dies auf sinkende Inflationserwartungen, erwartete Zinssenkungen oder eine erhöhte Nachfrage nach sicheren Anlagen hindeuten.
Besonders aufschlussreich ist die Zinskurve, die kurzfristige und langfristige Renditen gegenüberstellt. Normalerweise liegen langfristige Renditen über den kurzfristigen. Liegen sie darunter, spricht man von einer inversen Zinskurve. Eine solche Inversion ging in der Vergangenheit häufig US-Rezessionen voraus, ist jedoch kein zuverlässiger Indikator für deren Zeitpunkt.
Eine Marktübersicht zeigt dafür die Renditen der US-Staatsanleihen von einem Monat bis 30 Jahre sowie die Zinsdifferenzen zwischen 10 und 2 Jahren beziehungsweise 10 Jahren und 3 Monaten. Der Vergleich mit früheren Zeitpunkten macht Veränderungen der Zinsstruktur sichtbar und hilft, mögliche Belastungen für Aktienmärkte und Wirtschaft einzuordnen.
Trendlage über Indizes und Sektoren
Während die Volatilitätsindizes zeigen, welche Schwankungen der Markt erwartet, gibt der EMA21 Orientierung über die aktuelle Trendlage. Er zeigt, ob ein Index über oder unter seinem exponentiellen gleitenden Durchschnitt der letzten 21 Perioden liegt. Die Anzahl aufeinanderfolgender Tage oder Wochen oberhalb beziehungsweise unterhalb dieses Durchschnitts (Streak) macht sichtbar, wie lange ein Trend bereits anhält.
Besonders interessant ist der Vergleich verschiedener Märkte. Das EMA21-Raster zeigt auf einen Blick, ob nur der S&P 500 über seinem Durchschnitt liegt oder ob auch andere Bereiche wie Small Caps, Transportwerte oder Halbleiter mitziehen. Ergänzend zeigen Verhältnisse wie zyklischer Konsum zu Basiskonsum oder Anleihen zu Aktien, welcher Bereich sich zuletzt stärker entwickelt hat.
Für die längerfristige Einordnung ergänzen die gleitenden Durchschnitte über 50 und 200 Tage die Charts. So lässt sich erkennen, ob kurzfristige Bewegungen auch vom übergeordneten Trend unterstützt werden.
Häufige Fragen
Was bedeutet ein VIX/VIX3M-Verhältnis über 1?
Dass die für die nächsten 30 Tage eingepreiste annualisierte Volatilität höher ist als die für drei Monate. Meist liegt das Verhältnis unter 1, die kurzfristige Erwartung ist dann tiefer als die längerfristige. Über 1 liegt es typischerweise in Phasen akuter Marktbewegungen. Foliograph färbt den Wert im EMA21-Raster ab 1.0 orange und ab 1.3 rot.
Warum zeigt die Marktübersicht Perzentile statt nur absolute Werte?
Weil ein absoluter Wert ohne Massstab wenig sagt. Das Perzentil gibt an, an welchem Anteil der Tage im gewählten Fenster der Wert tiefer lag. Das Fenster stellst du von 3 Monaten bis 5 Jahren ein, Standard ist ein Jahr.
Woher stammen die Daten der Marktübersicht?
Volatilitätsindizes, Put/Call-Verhältnisse und Index-Futures kommen als Tageskurse über die TWS von Interactive Brokers, die VIX-Futures-Kurve ebenfalls aus der TWS. Die Renditen der Staatsanleihen lädt Foliograph aus der FRED-Datenbank der Federal Reserve Bank of St. Louis. Es braucht kein zusätzliches Datenabo ausser den Marktdaten bei IBKR.
Wie oft werden die Werte aktualisiert?
Kurse und Indizes alle zehn Minuten, solange die Trader Workstation läuft, die VIX-Futures-Kurve stündlich mit dem Futures-Refresh und die Zinsreihen stündlich von FRED. Ein Knopf in der Tab-Leiste startet den Abruf sofort. Daneben steht der Stand des letzten erfolgreichen Abrufs, ein altes Datum zeigt, dass die Verbindung fehlt.
Funktioniert die Marktübersicht ohne laufende TWS?
Die gespeicherten Tageskurse bleiben sichtbar und die Zinsreihen kommen weiterhin von FRED, weil sie keine TWS brauchen. Neue Kurse für Volatilitätsindizes, Index-Futures und die VIX-Futures-Kurve gibt es erst, wenn die TWS wieder verbunden ist. Die Anleitung zur TWS-API beschreibt die nötigen Einstellungen.
Warum steht beim SKEW eine Veränderung in Prozent?
Der SKEW-Index der CBOE wird in Indexpunkten angegeben und bewegt sich in einem vergleichsweise engen Band. Foliograph zeigt in der Tabelle Volatilität deshalb die Tagesveränderung in Prozent. Auch die Spanne und das Perzentil beziehen sich auf diese Tagesveränderungen im gewählten Zeitraum, nicht auf den Indexstand. Interessant sind vor allem starke Anstiege an einem einzelnen Tag. Sie zeigen, dass weit aus dem Geld liegende SPX-Puts im Verhältnis teurer geworden sind. Das kann eine höhere Nachfrage nach Absicherung gegen starke Kursrückgänge widerspiegeln, ist aber keine Aussage über die künftige Kursrichtung. Der Verlauf hinter dem Chart-Symbol zeigt die Indexpunkte.
Was zeigen die blauen Punkte im EMA21-Raster?
Sie markieren Tage, an denen US-Makrodaten veröffentlicht wurden, etwa Konsumentenpreise, Produzentenpreise, Kern-PCE, Arbeitsmarktbericht, Erstanträge oder BIP. Ein Klick öffnet die veröffentlichten Werte. So lässt sich eine Bewegung im Raster dem Termin zuordnen, an dem sie stattfand.
Begriffe auf dieser Seite
- EMA21 (Exponentieller gleitender Durchschnitt über 21 Perioden)
- IV-Perzentil (IV Percentile, IVP)
- Put/Call-Ratio (Put/Call-Verhältnis, P/C)
- SKEW-Index (CBOE SKEW, Tail-Risk-Index)
- SMA50 und SMA200 (Simple Moving Average, einfacher gleitender Durchschnitt)
- VIX (CBOE Volatility Index)
- VIX-Futures-Kurve (VIX Term Structure, VX-Kontrakte)
- VIX3M und VIX/VIX3M-Verhältnis (CBOE 3-Month Volatility Index, früher VXV)
- VVIX (CBOE VIX of VIX, Volatilität der Volatilität)
- VXN und RVX (CBOE Nasdaq-100 Volatility Index, CBOE Russell 2000 Volatility Index)
- Zinskurve (Renditekurve, Yield Curve, Zinsstrukturkurve)
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Alle Markt- und Analysedaten dienen ausschliesslich Bildungs- und Analysezwecken und stellen keine Anlageberatung oder Handelsempfehlung dar.