Auf einen Blick
- RSL-Strategien gehören zu den Momentum-Ansätzen: Die Aktien eines Universums werden nach Levys Relativer Stärke (RSL) geordnet, wobei sich die Auswahl auf die ranghöchsten Titel konzentriert.
- Die Kennzahl stammt von Robert A. Levy (1967). Die heute verbreiteten Umsetzungen mit Ranglisten, Wochenrhythmus und Ausstiegsschwellen sind später aus seiner Idee entstanden.
- Diese Seite beschreibt die Strategie und ihre öffentlich dokumentierten Varianten. Sie ist keine Anlageberatung und keine Handlungsanweisung.
- Wie du die Rangliste in Foliograph nutzt, steht unter RSL-Rangliste in Foliograph.
Die Idee
Momentum bezeichnet die empirische Tendenz, dass Aktien mit einer starken vergangenen Kursentwicklung über gewisse Zeiträume auch danach relativ stark bleiben. Eine frühe Untersuchung dieses Prinzips stammt von Robert A. Levy, der 1967 im Journal of Finance Aktien anhand ihrer Relativen Stärke gegenüber der eigenen Kurshistorie einordnete.
Levy untersuchte 200 Aktien der New York Stock Exchange von Oktober 1960 bis Oktober 1965, ordnete sie jede Woche nach seiner Kennzahl C/A26 und verglich unter anderem die stärksten mit den schwächsten Gruppen. Über die folgenden 26 Wochen entwickelten sich Aktien aus den zuvor starken Ranggruppen im Durchschnitt besser als Aktien aus den schwachen.
Narasimhan Jegadeesh und Sheridan Titman dokumentierten 1993 mit einer anderen Methode, der Rangfolge nach vergangenen Renditen, ebenfalls eine Fortsetzung relativer Aktienrenditen über 3 bis 12 Monate. Seither ist eine umfangreiche akademische Literatur zu Momentum entstanden. Sie belegt den Effekt allgemein, nicht Levys konkrete Kennzahl.
Die Kennzahl
RSL = letzter Wochenschlusskurs / Durchschnitt der letzten 27 Wochenschlusskurse
Levy nannte die Kennzahl C/A26: der aktuelle Kurs (C) geteilt durch den Durchschnitt (A) aus dem aktuellen Wochenkurs und den 26 Wochen davor. Der Durchschnitt umfasst also 27 Kurse. Manche Programme verwenden nur 26 Kurse, die Werte fallen dadurch leicht anders aus.
- Eine RSL von 1.20 heisst: Der Kurs liegt 20% über seinem Durchschnitt.
- Eine RSL von 0.90 heisst: Der Kurs liegt 10% darunter.
- Die RSL vergleicht jede Aktie mit ihrer eigenen Vergangenheit. Erst die Rangliste macht daraus einen Vergleich zwischen den Aktien.
Manche Programme verwenden statt 27 Wochenschlusskursen rund 130 Handelstage. Damit bilden sie ungefähr denselben Zeithorizont ab, die berechneten Werte sind aber nicht identisch.
Eine verbreitete Umsetzung
Eine verbreitete Umsetzung der RSL-Idee sieht so aus. Sie stammt nicht aus einer Fachpublikation und wird hier nur beschrieben:
- Universum: Grundlage ist ein Index oder ein Teilindex, zum Beispiel der S&P 500.
- Rangliste: Alle Aktien des Universums werden nach RSL sortiert, die höchste RSL steht auf Platz 1.
- Auswahl: Investiert wird zum Beispiel in die fünf oder zehn ranghöchsten Aktien, jeweils mit dem gleichen Betrag. Viele achten dabei auf Streuung über Branchen und greifen bei einer Häufung auf weiter hinten platzierte Aktien anderer Branchen zurück.
- Rhythmus: Die Rangliste wird einmal pro Woche geprüft, zum Beispiel am Montag mit den Schlusskursen vom Freitag.
- Austausch: Eine Aktie verlässt das Depot, wenn sie nicht mehr im obersten Viertel der Rangliste steht (im S&P 500 also ab etwa Platz 126). Ihren Platz nimmt die ranghöchste Aktie ein, die noch nicht im Depot ist.
Dieses Regelwerk stammt nicht aus Levys Studie im Journal of Finance. Levy untersuchte die Kennzahl und verschiedene Ranggruppen. Die konkreten Regeln für Depot, Austausch und Streuung wurden später daraus abgeleitet.
Die Rangliste prüfen
Eine Rangliste ist eine Rechnung über vergangene Kurse. Wer nach einer solchen Umsetzung vorgeht, übernimmt die obersten Plätze deshalb oft nicht ungeprüft. Zwei Fälle kommen dabei immer wieder vor.
Klumpen in einer Branche. Haben sich in den letzten Monaten mehrere Aktien derselben Branche oder Subbranche stark entwickelt, stehen sie gemeinsam oben auf der Liste. Fünf Halbleiterwerte können deshalb ein erhebliches Branchenrisiko bilden, auch wenn es formal fünf einzelne Aktien sind. Sie reagieren häufig auf ähnliche Branchen- und Konjunkturnachrichten. Sind unter den ersten fünf Aktien zum Beispiel drei Halbleiterwerte, nehmen manche stattdessen zwei Aktien anderer Branchen von Rang 6 bis 10, damit die Auswahl über mehrere Branchen verteilt ist. Eine Verteilung auf verschiedene Teilbereiche wie Software, Hardware und IT-Dienstleistungen kann das Klumpenrisiko verringern, ein gemeinsames Sektorrisiko beseitigt sie aber nicht.
Angekündigte Übernahmen. Wird ein Übernahmeangebot bekannt, springt der Kurs häufig in Richtung des Angebotspreises. Danach bewegt er sich oft in einer relativ engen Spanne, solange der Markt mit dem Abschluss der Übernahme rechnet. Die RSL steigt dadurch stark an, ohne dass sich ein Trend gebildet hat, und die Aktie steht plötzlich weit oben in der Rangliste. Die weitere Kursentwicklung hängt dann weitgehend vom Angebotspreis und von der Wahrscheinlichkeit einer Übernahme ab, nach Abschluss einer Übernahme wird die Aktie in der Regel aus dem Index entfernt. Hinweise darauf sind ein einzelner grosser Sprung im Chart, ein danach auffällig ruhiger Kursverlauf und Meldungen zum Unternehmen.
Andreas Clenow verwendet in Stocks on the Move ebenfalls einen Filter für ungewöhnlich grosse Kursbewegungen: Aktien mit einer einzelnen Kursbewegung von mehr als 15% innerhalb der letzten 90 Handelstage werden vorübergehend ausgeschlossen. Clenow rangiert dabei nicht nach der RSL, sondern nach einer eigenen Trendkennzahl über 90 Tage. Der Filter lässt sich aber ebenso auf eine RSL-Rangliste anwenden.
Öffentlich beschriebene Varianten
Die folgenden Erweiterungen sind in Fachartikeln und Büchern beschrieben. Jede verändert, wie oft gewechselt wird und wie sich das Depot in schwachen Marktphasen verhält.
| Variante | Was sie verändert | Quelle |
|---|---|---|
| RSL-Schwelle 1 | Ausstieg zusätzlich, wenn die RSL der Aktie unter 1 fällt, der Kurs also unter seinen Durchschnitt. | Bauer, Derivate Magazin 2/2012 |
| Vergleich mit dem Gesamtmarkt | Ausstieg, wenn die RSL der Aktie unter den Durchschnitt aller Aktien des Universums fällt. | verbreitete Variante, keine Fachpublikation |
| Marktfilter | Neue Positionen nur, solange die RSL des Index selbst über 1 liegt, der Index also über seinem Durchschnitt steht. | Bauer, Derivate Magazin 1/2012 und 2/2012 |
| Rangindikator | Statt eines festen Platzes zählt die prozentuale Rangposition, zum Beispiel «oberste 20%». Das macht Ranglisten unterschiedlich grosser Indizes vergleichbar. | Paesler (2011), Bauer, Derivate Magazin 1/2012 |
| Nachgezogener Stopp | Ausstieg, wenn der Kurs eine feste Prozentzahl unter das Hoch seit dem Einstieg fällt (im Artikel 15%). | Bauer, Derivate Magazin 2/2012 |
| Längerer Rhythmus | Prüfung halbjährlich statt wöchentlich. Weniger Wechsel bedeuten weniger Kosten. | Bauer, Derivate Magazin 1/2012 |
| Kurssprung-Filter | Kein Einbezug von Aktien mit einer einzelnen Kursbewegung von mehr als 15% in den letzten 90 Handelstagen, etwa nach einem Übernahmeangebot. | Clenow (2015) |
| Letzten Monat auslassen | Die Wertentwicklung wird über 12 Monate ohne den letzten Monat gemessen, weil sehr kurzfristige Bewegungen oft wieder zurücklaufen. | Jegadeesh (1990), Carhart (1997) |
| Nähe zum 52-Wochen-Hoch | Die Rangliste nach dem Abstand zum 52-Wochen-Hoch statt nach der vergangenen Rendite. | George und Hwang (2004) |
| Absolutes Momentum | Die Auswahl erfolgt nur, wenn auch die stärksten Werte eine positive Rendite gegenüber risikolosen Anlagen aufweisen. | Antonacci (2014) |
| Volatilität berücksichtigen | Den Anteil der Strategie nach ihrer jüngsten Schwankungsbreite anpassen, um starke Rückschläge zu dämpfen. | Barroso und Santa-Clara (2015), Daniel und Moskowitz (2016) |
Eine dreiteilige Artikelserie von Gregor Bauer im Derivate Magazin kombinierte zum Beispiel RSL, Marktfilter, Rangindikator und Stopp und untersuchte diese Regeln rückblickend über rund 20 Jahre anhand von DAX-Aktien. Die Tests stammen von Oliver Paesler, die RSL wurde dabei mit 130 Tageskursen statt mit Wochenkursen gerechnet. Solche historischen Simulationen haben nicht dieselbe Aussagekraft wie begutachtete wissenschaftliche Studien. Sie hängen stark von Datenbasis, Indexzusammensetzung, Parameterwahl und berücksichtigten Kosten ab.
Was Foliograph davon abbildet
Foliograph zeigt die RSL-Rangliste und die dazugehörigen Kennzahlen. Es setzt keine Regeln um und schlägt keine Werte vor. Du kannst eigene Kriterien für Hervorhebungen sowie eigene Schwellen für gehaltene Aktien festlegen.
| Kennzahl oder Variante | Einstellung in Foliograph |
|---|---|
| Ranghöchste Aktien | Zeilen hervorheben: «Unter den ersten» |
| Rangindikator | «Top-%» respektive «Ausserhalb Top-%» |
| Oberstes Viertel | Schwellen für gehaltene Aktien: «Ausserhalb Top-%» oder «Ausserhalb der ersten» |
| RSL-Schwelle 1 | «RSL mindestens» respektive «RSL unter» |
| Vergleich mit dem Index | «RSL über der Index-RSL» respektive «RSL unter der Index-RSL» |
| Vergleich mit dem Gesamtmarkt | «RSL über der Durchschnitts-RSL» respektive «RSL unter der Durchschnitts-RSL» |
| Marktfilter | «Index-RSL über 1» |
| Wöchentlicher Rhythmus mit Freitagskursen | «Nur abgeschlossene Wochen» |
| Trend der Aktie | SMA-Paar der Wochenschlusskurse, Standard 10 und 21 Wochen |
| Streuung über Branchen | Spalten Sektor und Branche, beide mit Filter in der Kopfzeile |
| Kurssprung-Filter | Spalte Sprung 90T (letzte 90 Handelstage) und «Kein Kurssprung über (%)», dazu Chart-Panel (Klick auf die Zeile) |
Die Periode ist einstellbar. Standard sind 27 Wochenschlusskurse entsprechend der Periodenlänge von Levys C/A26. Details stehen unter RSL-Rangliste in Foliograph.
Grenzen
- Originalstudie: Levys Stichprobe wurde rückblickend zusammengestellt. Sie enthielt nur Aktien, die 1965 noch an der NYSE notiert waren. Aktien, die in der Zwischenzeit verschwanden, fehlen darin. Das kann die Ergebnisse zu günstig aussehen lassen.
- Kursdaten: Levy verwendete Preisreihen, die zusätzlich um Dividenden und weitere Ausschüttungen bereinigt waren. Foliograph verwendet splitbereinigte Kurse von IBKR, in denen Dividenden nicht enthalten sind. Die RSL-Werte können deshalb trotz gleicher Formel leicht abweichen.
- Kosten und Replikation: Michael Jensen und George A. Benington überprüften Levys Regeln 1970 mit weiteren Stichproben, überwiegend ausserhalb seines Untersuchungszeitraums. Nach Transaktionskosten fanden sie keinen Vorteil gegenüber Kaufen und Halten. Sie führten Levys Ergebnis auf eine Auswahlverzerrung zurück, weil Levy seine Regel aus 68 getesteten Regeln ausgewählt hatte. Ein wöchentlicher Rhythmus erzeugt viele Wechsel. Kommissionen, Spreads und Steuern fallen entsprechend ins Gewicht.
- Momentum-Crashs: Momentum-Strategien können seltene, aber starke Verlustphasen erleben. Daniel und Moskowitz (2016) zeigen, dass diese besonders nach starken Marktrückgängen und bei anschliessenden schnellen Erholungen auftreten können.
- Survivorship Bias: Wer Ranglisten der Vergangenheit mit der heutigen Zusammensetzung eines Index rechnet, lässt Aktien weg, die den Index verlassen haben. Historische Ergebnisse können dadurch verzerrt und insbesondere zu günstig dargestellt werden.
- Vergangenheit: Alle Varianten werten vergangene Kurse aus. Historische Zusammenhänge garantieren nicht, dass sich der Momentum-Effekt oder eine bestimmte Strategie künftig in gleicher Weise wiederholt.
Quellen
Levy und Replikation
- Robert A. Levy: Relative Strength as a Criterion for Investment Selection. The Journal of Finance, Vol. 22, No. 4 (1967), S. 595-610. DOI 10.1111/j.1540-6261.1967.tb00295.x
- Michael C. Jensen, George A. Benington: Random Walks and Technical Theories: Some Additional Evidence. The Journal of Finance, Vol. 25, No. 2 (1970), S. 469-482. DOI 10.1111/j.1540-6261.1970.tb00671.x
Akademische Momentum-Forschung
- Narasimhan Jegadeesh: Evidence of Predictable Behavior of Security Returns. The Journal of Finance, Vol. 45, No. 3 (1990), S. 881-898. DOI 10.1111/j.1540-6261.1990.tb05110.x
- Narasimhan Jegadeesh, Sheridan Titman: Returns to Buying Winners and Selling Losers: Implications for Stock Market Efficiency. The Journal of Finance, Vol. 48, No. 1 (1993), S. 65-91. DOI 10.1111/j.1540-6261.1993.tb04702.x
- Thomas J. George, Chuan-Yang Hwang: The 52-Week High and Momentum Investing. The Journal of Finance, Vol. 59, No. 5 (2004), S. 2145-2176. DOI 10.1111/j.1540-6261.2004.00695.x
- Mark M. Carhart: On Persistence in Mutual Fund Performance. The Journal of Finance, Vol. 52, No. 1 (1997), S. 57-82. DOI 10.1111/j.1540-6261.1997.tb03808.x
- Pedro Barroso, Pedro Santa-Clara: Momentum Has Its Moments. Journal of Financial Economics, Vol. 116, No. 1 (2015), S. 111-120. DOI 10.1016/j.jfineco.2014.11.010
- Kent Daniel, Tobias J. Moskowitz: Momentum Crashes. Journal of Financial Economics, Vol. 122, No. 2 (2016), S. 221-247. DOI 10.1016/j.jfineco.2015.12.002
Bücher
- Gary Antonacci: Dual Momentum Investing. McGraw-Hill, 2014.
- Andreas F. Clenow: Stocks on the Move: Beating the Market with Hedge Fund Momentum Strategies. 2015.
Deutschsprachige RSL-Varianten
- Gregor Bauer: Relative Stärke, Strategien zur systematischen Aktienauswahl, Teil 1 bis 3. Derivate Magazin 1/2012, 2/2012 und 3/2012 (Tests von Oliver Paesler).
- Oliver Paesler: Das Konzept der Rang-Indikatoren. Beitrag zum VTAD-Award 2011.
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